Perithia

Besucherzaehler

Direkt zum Seiteninhalt

Nordwestpassage

Logbuch ab '09

Nord-West-Passage

 

Tribut an die Nordwest Passage

Ein Nachdenken und kurzes Innehalten
Erstaunt stellen wir fest, dass wir mit dem Abschluss unserer Tour durch die Beaufort Sea schon die halbe Welt umsegelt haben.

Deshalb eine kleine Zusammenfassung

Die Route NORDWESTPASSAGE - Beringstraße für eine Weltumseglung sowie einen Abstecher in die Südsee zu wählen, halten wir für sehr interessant und auf alle Fälle eine Überlegung wert. Erstens kürzt sie gewaltig ab und zweitens erspart sie den langweiligen und langwierigen Sprung von den Kanaren aus über den Atlantik.

Der Weg über England oder über die Azoren verkürzt die Anfahrt und gestaltet sie abwechslungsreicher. Und sie erspart zudem den Panamakanal. Da quasi auf dem Weg, lohnt auf jeden Fall ein Abstecher nach Grönland. Riesige Fjorde, unberührte Natur, freundliche Menschen und bundbemalte Häuser locken. Es gibt wohl kaum Ergreifenderes, als die riesigen Eisberge zu umrunden, dem Tosen beim Brechen gewaltiger Eismassen zu lauschen sowie den vorbeiziehenden Walen nachzuschauen. Die Temperaturen sind erträglich, Sonne pur und oder aber für den Segler leider in den Sommermonaten nie Wind.

Als reines Seglerrevier zum Spaß aber halten wir die nördliche Route nicht unbedingt für empfehlenswert. Eine Einöde aus Stein und Geröll. Dazu nur an sehr wenigen Stellen besiedelt. Auch wenn das Eis langsam aber sicher zurückgeht, bleibt immer noch ein extrem enges Zeitfenster um die mitunter sehr schwierigen Stellen der Passage zu durchqueren. Es sollte von vornherein klar sein, dass auch bei bester Vorbereitung die Gefahr einer Überwinterung oder gar eines Totalverlustes des Bootes bestenfalls reduziert werden können. Schon das kleinste Problem kann mit katastrophalen Folgen zur echten Gefahr für Boot und Crew heranwachsen.

Das Eis lässt sich weder beherrschen noch lässt sich sein Verhalten vorausbestimmen. Dazu kommt die totale Abgeschiedenheit. Der nächste Eisbrecher steht nicht um die Ecke, sondern benötigt schlimmstenfalls einige Tage zur Rettung. Man stelle sich also sein Boot im Eis eingeschlossen vor. Dazu eine Familie neugieriger Eisbären, derer es hier sehr viele gibt und auf deren Einkaufsliste man recht weit oben steht. Wer nicht an ein Gewehr auf seiner Ausrüstungsliste gedacht hat, hat spätestens jetzt ein Problem.

Eisbären stehen zwar in Deutschland unter Naturschutz und unsere Jagbehörde ist auch nicht so ohne weiteres zu überzeugen. Doch ich möchte nicht wirklich testen, ob der Kampf mit Pfeife und Topfdeckeln gegen das gefährlichste Landraubtier letztendlich sehr aussichtsreich ist. Zwei Eissorten könnte man unterscheiden: Bei Glück Treibeis - es nimmt das Boot ein Stückchen mit und sollte es sich nicht entschließen, ausgerechnet über flachen Grund zu wandern, entlässt es einen zu gegebener Zeit auch wieder ungeschoren. Die zweite und weitaus unangenehmere Variante: das Packeis - große Eisschollen schieben sich an bzw. übereinander und türmen sich zu bizarren Gebilden auf. Dabei kann ein extremer Druck entstehen.
In ein solches Feld geraten, fangen die Probleme auf jeden Fall erst an. Zu allem Überfluss können Eisbarrieren entstehen. Das Eis staut und staut sich dahinter. Was mit einem Boot, das beim Brechen der Barriere im Einflussbereich des Eises überrascht wird, passiert, braucht hier nicht beschrieben zu werden. Auch von einem Defekt, der das Bergen des Bootes und das Einfliegen eines Ersatzteiles nötig macht, wollen wir erst gar nicht reden. Nur - dass dann mit ziemlicher Sicherheit, wenigstens an ungefährlicher Stelle, das Winterlager für die nächsten 10 Monate aufgeschlagen werden kann.

Es gibt zwei Möglichkeiten, die rund 1000 Seemeilen von Ost nach West zurückzulegen. Welche von beiden die bessere ist, kann im Vorfeld keiner sagen, da es meistens sowieso die andere ist. Zuvor sei gesagt, im Juli beginnt das Eis zu schmelzen und im September, kehrt es zurück.
Plan A: so zeitig wie möglich, also ab 01.August in Resolute oder, was etwas weiter ab und damit ungünstiger liegt, in Pond Inlet, auf eine kurze eisfreie Zeit warten. Das hat den Vorteil einer relativ großen Zeitreserve, ist aber wegen der sich ständig verändernden riesigen Eisfelder extrem gefährlich. Ein Irrglaube, man warte am Eisrand auf eine Lücke um dann hindurch zu sausen. Erstens ist es nicht nur ein Eisrand und zweitens ändert sich die Lage der Felder ständig, und das in einer nicht vorstellbaren Geschwindigkeit. Die Gefahr des Eingeschlossenwerdens ist enorm. Dies zeigt übrigens die Statistik der Eisbrecheranforderung.
Plan B: Warten bis Mitte, Ende August. Der Vorteil - das Eis hat sich nahezu aufgelöst. Mit etwas Glück kommt man relativ ungeschoren voran. Aber es ist absolut keine Zeit mehr für einen zweiten Versuch. Es darf also weder etwas kaputt gehen, noch darf einem das Eis einen Strich durch die Rechnung machen und zum umkehren zwingen. In jedem Fall, reicht die Zeit mit Sicherheit nicht für einen vernünftigen zweiten Anlauf. Bei viel Pech ist sogar der Rückweg versperrt,und es geht ans überwintern. Der weitaus größte Nachteil von Plan B sind aber die im Anschluss noch zurückzulegenden 1600 Meilen bis zur Beringstraße.

Der Weg über das Nordpolarmeer kann sowohl mit Sonnenschein und Windstille, als auch mit Westwind aller Stärken aufwarten. Dabei ist zu bedenken, dass in den Randzonen der Beaufortsee nur eine Wassertiefe von 3m bis 50 m vorherrscht. Bei einem Sturm nicht unbedingt die beste Stelle zum Abwettern.
Und weiter draußen, wo es tiefer wäre und man dem Legerwall entgehen könnte, lauert das Eis. Dazu kommt der beginnende Kampf gegen die Zeit. Wer nicht ein ausgesprochener Liebhaber arktischer Stürme ist, sollte dieses Gebiet spätestens um den 22./23. September verlassen haben. An diesen Tagen herrscht Tag und Nachtgleiche und es ist mit heftigen Stürmen zu rechnen. So gesehen hat sowohl Plan A als auch Plan B seine Vor- und Nachteile, die gegeneinander abzuwägen, leider erst im Nachhinein möglich ist. Hinterher ist man immer klüger!

Da es immer einige Segler gibt, die die Passage auf der gleichen Route passieren wollen, wäre es natürlich am Sinnvollsten sowie am Sichersten, sich zusammenzuschließen. Somit wäre im Ernstfall Hilfe zur Stelle und auch die moralische Stütze ist nicht zu unterschätzen. Dem scheint aber leider in den meisten Fällen das freiheitsliebende, individualistische Seglerherz im Wege zu stehen.Zusammenschluss bedeutet Absprachen und was das ärgerlichste wäre, vielleicht behindert einen der andere gar und man gerät in Abhängigkeiten.Bei all diesen geschilderten Schwierigkeiten, hat die Passage natürlich unbestritten auch ihre Reize.

Schon allein die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der hier oben im Norden wohnenden Menschen beeindruckt einen immer wieder. Ohne deren Unterstützung wäre an eine einigermaßen sichere Durchquerung der Passage gar nicht zu denken.
Wir sind uns sehr wohl darüber im Klaren, dass uns in großem Maße das Glück geholfen und am Ende auch bei allen noch so großen Widrigkeiten immer weiter voran geschoben hat. Beim besten Willen können wir von uns nicht behaupten, die Experten für Eis, Wind und Strömung hier oben zu sein. Nachträglich betrachtet, hätte es alles auch komplett anders verlaufen können. Wie gesagt, der kleinste Fehler… .

Somit gedenken wir mit absoluter Hochachtung der Ersten, die das Wagnis der Entdeckung dieser Route auf sich genommen haben. Ohne den uns heute zur Verfügung stehenden technischen Hilfsmitteln, nur mit Sextant und Kompass, der hier noch nicht einmal funktioniert, ausgerüstet, haben sie nahezu Übermenschliches geleistet. Wir reden hier von Schwierigkeiten und rufen den Eisbrecher über Funk zu Hilfe, wenn es nicht mehr weiter geht.
Die Expeditionen Amundsen und Franklin zeigen, was, für uns unvorstellbar, am Ende doch alles möglich ist.
In Anbetracht dessen, sollten wir alle, die wir die NORDWESTPASSAGE angehen und hoffentlich auch bezwingen, einen Augenblick verweilen und der Männer der Franklin Expedition gedenken.
Sie haben es nicht geschafft.


09.08.2009 Von Upernavik (Grönland) nach Resolute Bay (Canada)

Heute starten wir also zum eigentlichen Ziel unserer Reise.
Die Durchquerung der Nord-West- Passage. Wir wollen gleich früh beizeiten starten, schnell noch die letzten grönländischen Kronen ausgeben und los.
Doch irgendwie zieht sich alles in die Länge. Wie üblich, sind wir auf der Suche nach einem Internetzugang.

Zum Glück haben wir mittlerweile schon Erfahrung in solchen Dingen. Wir gehen also ins nächste Bürogebäude und fragen. Es findet sich immer ein netter Mensch, der mal eben seinen Schreibtisch für uns räumt.
Zurück zur PERITHIA, wartet schon der Maschinist der DAGMAR AAEN, die einen Tag vor uns im Hafen festgemacht hat, auf uns. Er hat Glück, ich habe die letzten Kronen in Bier umgesetzt.

An sich wollten wir ja los, aber nun nutzen wir die Gelegenheit und beschließen, uns den wirklich schicken Schoner, mal genauer anzuschauen. Ich muss schon sagen, ein wirklich schönes Boot. Alles perfekt durchdacht und umgebaut. Nur, dass ich so einige kenne, die nicht in die Kojen passen würden...! Die sind wirklich sehr eng. (Außer Bim natürlich, der ist jetzt schlank!) Ich denke, mittlerweile ist es 23.00 Uhr, jetzt aber Leinen los!

Auf zum nördlichsten Punkt unserer Tour (74°41.488 N; 094°50.493 W).

Die Baffin Bay ist ruhig und die Eisberge halten sich in Grenzen. Zu ruhig. Schon am nächsten Morgen geht`s dann los mit dem Theater. Zufällig schaue ich raus und wundere mich: "Wieso fahren wir eigentlich Schlängellinien?" Doch ehe ich so richtig darüber nachdenken kann, ist es auch schon wieder vorbei. Jetzt werden es Kreise. Kathrin sucht schon mal die Bedienungsanleitung des Autopiloten raus, vielleicht steht da ja was Brauchbares drin.

Inzwischen tue ich das, was ich schon lange nicht mehr getan habe. Ich steuere selber. Zumindest versuche ich es. Jetzt müsste man nur noch die Richtung wissen. Da haben wir nun 2 Kompasse. Jeweils einen pro Steuer. Nur, der eine zeigt nach links und der andere nach rechts. Und der Vergleich mit dem Handkompass hat noch eine dritte Variante zu bieten..

OK, wir haben ja noch unser GPS. Ein Abgleich mit dem Kompass bringt mir so ungefähr die Richtung. Irgendwann bekomme ich mit: die Kompassscheibe ist irgendwie träge. Sie reagiert unendlich langsam. Wir ziehen also so unsere Schlängel und überlegen. Ich hätte nicht gedacht, die Auswirkungen des Magnetpols, der dessen Lage sich ständig verändert, schon hier zu spüren. Kalt ist auch noch und es regnet.

Wir versuchen es für`s erste mit einer neuen Kalibrierung des Autopiloten. Vielleicht hat er ja ein Einsehen. Ein,zwei Stunden später -ich richte mich schon mal auf eine ungemütliche Nacht ein- haben wir endlich Erfolg und das Ganze beruhigt sich ein wenig.
Zwar fahren wir immer noch in Bögen und ab und zu auch mal einen Kreis, aber wir fahren! Wir schätzen wieder mal, wie gemütlich und warm es doch unter Deck ist. Vorausgesetzt, die PERITHIA tut ohne zu Murren ihren Dienst. Langsam kommt nun unter wolkenverhangenem Himmel der "Lancaster Sound" in Sicht. Die Einfahrt zur Passage. Mitten in der Nacht und vollkommen unspektakulär schlingern wir am Cape Walter Bathurst vorbei. (Ich nehme mir vor, unbedingt nachzuschauen, wer das wohl gewesen sein mag)

Ich sitze am Kartentisch und behalte die Monitore im Auge, Kathrin schläft und wir wechseln die Rollen nach 4 Stunden. Auf andere Boote braucht man hier nicht aufzupassen, wir sind wie üblich, seit Tagen das einzige Schiff. Im Sound fahren wir mit 280 ° Kartenkurs gen Westen. Bis Resolute Bay sind es noch ca. 250 nm; also zwei Tage.
Ca. 50 nm vor dem Ziel befindet sich Cape Riddle. Hier in der Bucht liegt ein Matrose der Fränklin Expedition begraben. Auch die Überreste eines alten Eskimohauses sowie einen Tschuktuck kann man besichtigen.

Kurz vor Resolute beginnen dann die Eisfelder. So ca. 2 nm breit bereiten sie aber keine besonderen Schwierigkeiten, wir steuern immer an der Eiskante entlang. Ein wenig Sorgen kommen erst kurz vor dem Ziel. Hoffentlich ist die Einfahrt zur Bucht wenigstens frei. Aber - Glück gehabt. Wir steuern in eine große ruhige eisfreie Bay und sind am Ziel. Oder besser gesagt am Anfang der Passage. Geankert ist schnell. Wir schwojen zusammen mit zwei anderen Booten, die wir schon kennen und die das gleiche Ziel haben wie wir, bei genügend Platz und freuen uns darauf, endlich wieder eine Nacht unbesorgt und ruhig durchschlafen zu können.

Doch es sollte völlig anders kommen.Mitten in der Nacht wecken uns laute Pfiffe, Rufe und wildes Geschrei:
Danger!!! Ice!!! Danger!!! Ice!!!


10.08.2009 Resolute Bay

Über die Bucht schallt der Ruf:
"Danger! Eis!"
Es ist 2.00Uhr morgens. Ich stecke den Kopf aus dem Bett und zur Luke raus und traue meinen Augen nicht. Der Wind hat gedreht und treibt ganze Berge von Eisschollen in die Bucht. Und das mit einer enormen Geschwindigkeit. Zeit, etwas zu unternehmen. Draußen ist es saukalt und extrem windig. Jetzt finde erst mal, so auf die Schnelle, die richtigen Klamotten…
Das französische Boot ist als erstes klar und sucht sich einen Weg durch die Schollen aus der Bucht hinaus. Kathrin kämpft mit dem Anker, der unter einer Scholle verschwinden will. Ich habe zwar das Glück, windgeschützt zu stehen, aber alle Hände voll zu tun, um eine Kollision zu vermeiden. Die Amerikaner von der FIONA, die neben uns liegt, tauchen nun auch endlich auf und versuchen zu retten, was noch zu retten ist. Derweilen hat sich das Eisfeld vor uns so verdichtet, dass an ein Durchkommen nicht mehr zu denken ist. Wir starten noch einen halbherzigen Versuch, aber es wird nichts. Sowieso sind wir der Meinung, lieber hier vorne in der Nähe des Ufers erwischt zu werden, denn keiner hat wirklich Lust, kilometerweit draußen zwischen dem Eis stecken zu bleiben. Mittlerweile wird es nun aber langsam doch ein bisschen eng. Vor uns rückt das Eisfeld unaufhörlich näher und hinter uns wird`s langsam flach. Wir jonglieren noch ein wenig durch die Schollen, viel ist aber nicht mehr zu machen. Die FIONA erwischt es zuerst. Da sie 35 cm mehr Tiefgang hat als wir, läuft sie auf Grund. Da steht sie nun wirklich nicht an der besten Stelle.

Wir klemmen uns erst mal an eine Eisscholle und versuchen, uns einen Überblick zu verschaffen. Ganz an der Seite der Bucht sieht es an sich gar nicht so schlecht aus. Davor ist eine kleine Landzunge, die das Gröbste etwas abhält. Bloß - wie hinkommen? Das einzig Vernünftige, das wir jetzt noch tun können, ist, einen sicheren ruhigen Platz im Eis zu suchen. Zum Glück finden wir eine große stabil aussehende Eisinsel, die anscheinend auf Grund sitzt. Sie hat eine gerade Seite, die wie geschaffen für die PERITHIA ist. Mit ein bisschen Arbeit sind die Unebenheiten schnell beseitigt und wir knoten uns fest.

Eine bessere Wahl hätten wir gar nicht treffen können. Um uns herum kracht und knirscht es, schieben sich Schollen zu ganzen Gebirgen übereinander. Vor uns haben sich aber zum Glück ein paar größere Blöcke festgesetzt und schirmen uns ab. Wir liegen wie an einer kleinen Mole. Auch die Fiona hat unverschämtes Glück. 2 Meter vor ihr bleibt das Eis stehen. Beide Boote haben so nicht eine einzige ungewollte Eisberührung. Wir kochen uns erstmal einen Kaffee und warten den Morgen ab. Der Wind legt sich und wir können in aller Ruhe schauen, was zu tun ist. Die gesamte Bucht hat sich innerhalb kürzester Zeit mit Eis gefüllt. Es ist unglaublich, in welcher Geschwindigkeit das passiert. Die Flut kommt langsam und damit kehrt auch wieder Bewegung ins Eis zurück.
Es wird Zeit, langsam von hier zu verschwinden. Also steuern wir den letzten, so leidlich eisfreien Bereich der Bucht an und gehen vor Anker.
Nun sind wir also in Resolute angekommen. Hier werden wir abwarten müssen, bis das Eis im "Larsen Sound" und der "Victoria Strait", dem schwierigstem Abschnitt der Nordwest-Passage, uns ein Durchkommen ermöglicht.
Eine Ortsbesichtigung ist schnell abgeschlossen. Ein paar Häuser, ein Laden und eine Pension. Eine Siedlung für 250 Menschen am Ende der Welt, so will es scheinen.


Kein Baum, kein Strauch, nur Schotter so weit das Auge reicht. Um uns einen Überblick zu verschaffen, steuern wir zuerst die Pension an. Im Office treffen wir auf Phil, den Manager.




Er ist im Ort der Ansprechpartner für alles. Die Pension ist so etwas wie ein Treffpunkt hier. Ständig kommen oder gehen Leute, Kaffee und Saft sind frei und es gibt Fernsehen und Internet. Auch der Kontakt zu den einheimischen Eskimos ist schnell hergestellt. Den Anfang machen, wie überall auf der Welt, die Kinder. Auf der PERITHIA zurück, dauert es nicht lange und das erste Kanu läuft zur Bootsinspektion aus. Alles wird begutachtet und in Augenschein genommen. An Berührungsängsten leiden sie jedenfalls nicht.
Bei unseren späteren ausgedehnten Wanderungen durch das Dorf treffen wir auf Josh. Er wohnt gegenüber vom einzigen Laden, und wir kommen ins Gespräch. Er bietet uns seine Hilfe an - Wäsche waschen oder Duschen - selbstverständlich sind wir herzlich willkommen.

Unser erster Besuch bei ihm und seiner Familie endet allerdings beinahe mit einem Missverständnis. Wir stehen vor der Tür und klopfen, aber es macht keiner auf. Klopfen oder gar Klingeln gibt es hier nicht. Die Türen sind offen und wenn man etwas möchte, geht man rein. Schon wegen der Bären darf keine Tür, auch bei Abwesenheit verschlossen sein. Jedes Haus dient somit als Fluchtweg. Überhaupt sind Bären im Ort keine Seltenheit. Wir erfahren, dass ein Tag vor unserer Ankunft welche im Ort gesichtet…

Oh! Wahnsinn! Am Boot schwimmt ein Bär vorbei und hält doch tatsächlich auf die nächste Scholle zu.

Kathrin rufen, Gewehr laden, Fotoapparat holen - ist alles eins!Knut (wir nennen ihn mal so) lässt sich zum Glück Zeit und legt sich erst einmal auf ein Nickerchen nieder. Noch gestern Abend hat das Eis bis ans Boot herangereicht. Also schleppen die Eskimos hier ihre Gewehre doch nicht nur zum Spaß mit sich herum… So vergehen die Tage hier recht abwechslungsreich. Resolute Bay ist immer für eine Überraschung gut.
Josh zeigt uns die einzige Sehenswürdigkeit vor Ort - ein Haufen Säbelzahntigerknochen oder so etwas ähnlich und die gesamte Steinige Umgebung. Wenn wir wollen, können wir jederzeit sein Quad nehmen¸ er stellt es uns einfach so zur Verfügung.


Leider muss Josh am Donnerstag ins Krankenhaus und es heißt: Abschied nehmen. Dabei überreicht er uns eine Tasche, voll gepackt mit Lebensmittel und allem was man sonst so brauchen könnte!
Wir verstehen das als Gastgeschenk und sind über das Ausmaß der Gastfreundschaft, sowie die Selbstverständlichkeit mit der diese ausgeübt wird, doch recht überrascht. Somit vergehen die Tage des Wartens auf eine Eisfreie Passage überraschenderweise recht schnell und angenehm.

Sogar das Wetter zeigt sich wieder von seiner besten Seite. Trotz allem können wir uns unter keinen Umständen vorstellen, hier zu leben. Resolute ist doch "etwas" abgeschieden von der Welt... Zweimal im Jahr kommt ein Versorgungsschiff für größere Bedarfsgüter wie Fernseher, Waschmaschinen oder ähnlichem vorbei. Der Rest per Flugzeug. Da kann es schon mal vorkommen, dass übers Wochenende die Zigaretten ausgehen. Dann ist halt Warten angesagt. Resolute ist 1946 von den Amerikanern gegründet wurden und verfügt über eine Landebahn für Jets die über den Nordpol fliegen und in Not geraten. Seit Gründung des autonomen Inuitstaates Nunavut ist hier, glaube ich aber nicht mehr viel passiert.Knut auf seiner Scholle, treibt derweilen langsam in der Bucht umher.

Wir hoffen, die Batterien vom Fotoapparat halten noch ein Weilchen durch…Einheimische kommen mit Autos und Quads zum Fotografieren an den Strand, bis es unserem Polarbären wohl zu laut und hektisch wird und er über die Eisschollen von dannen läuft.




12.08.2009 Der Eisbär

Hier in Resolute hängen überall Plakate, auf denen vor Polarbären gewarnt wird und einige wichtige Verhaltensregeln aufgestellt werden. Zum Beispiel:

" gehe immer in Gruppen,
" lass deine Kinder nicht aus den Augen,
" campe nur in einem gesicherten Camp,
" lass keine Essenreste liegen,
" sage jemandem wohin du gehst und wann du wieder kommst,
" bedenke, dass der Bär ein exzellenter Schwimmer, ein guter Kletterer ist und sehr schnell rennen kann,
" somit ist er ein extrem gefährliches Raubtier

Nun gut, dass wissen wir ja eigentlich!
Als wir unserem ersten Bären dann aber in Natura begegnen, laden wir doch lieber vorsichtshalber unser Gewehr und stellen es griffbereit. Obwohl der Bär einen wirklich possierlichen und freundlichen Eindruck macht (wir erinnern an "Knut") nehmen wir die Flinte am Abend mit ins Schlafzimmer…!




14.08.2009 Aufbruch in Resolute

Ein Blick auf die neuesten Eiskarten lässt uns an Aufbruch denken. (klicken zum Vergrößern)

Über Nacht ist es zwar wieder ein bisschen eng in unserer Bucht geworden. Wir werden aber bestimmt einen Ausgang finden.
Also: Start durch die Nordwest- Passage am 14.08.2009 um 12.00 Uhr


14.08.2009 Von Resolute nach Cambridge Bay
unser schwierigster Abschnitt der Nordwestpassage

Morgen ist also Aufbruch angesagt. Da wir mit unseren amerikanischen Freunden von der FIONA zusammen segeln wollen, werden beim Essen noch schnell die letzen Details besprochen. 12.00 mittags soll Start sein. Wir alle sind guten Mutes, die Eischarts sehen nicht schlecht aus. Wird schon klappen.

Doch keiner von uns ahnt auch nur im Entferntesten, was da auf uns zukommt. Wie auch? Aus irgendwelchen, uns nicht verständlichen Gründen, werden die Amis aber plötzlich unruhig und nervös. Sie wollen unbedingt schon früh am Morgen los. Da wir noch einiges zu erledigen haben, zerfällt unsere kleine Seglergemeinschaft, bevor sie richtig begonnen hat.

Wir verabreden einen Treffpunkt auf einer späteren Insel und verabschieden uns erst einmal. Gesagt - getan stechen wir mittags in See. Das heißt, erst einmal muss die PERITHIA vom Eis befreit und ein Weg aus der Bucht gefunden werden.

Das Wetter ist so la la und prompt stoßen wir auf das erste Eisfeld. Nichts schlimmes, braucht bloß ein bisschen Zeit. Wir überqueren die Barrow Strait und biegen in den Peel Sound ein. Völlig eisfrei liegt er vor uns. Kein Wind, keine Wellen - es ist nur recht kalt. "So schlimm kann das also alles gar nicht sein!" denken wir und sollten noch so viel lernen. Wir kommen eigentlich recht gut vorwärts; das karge Land zieht an uns vorbei und es passiert nichts wirklich Aufregendes. Wir haben Zeit, uns das Vergangene in Resolute noch einmal Revue passieren zu lassen. Beide sind wir der Meinung, es war am Ende ein sehr angenehmer Aufenthalt und wir haben nette Menschen getroffen und neue Freunde gefunden. Erst einen Tag später, in der nächsten Nacht werden wir durch eine Eisbarriere gebremst. Da ich gerade Wache habe, versuche ich mein Glück und steuere erst einmal ins Eis. Mittlerweile werden die Tage wieder kürzer und es wird nachts schon etwas dämmerig, so dass ich nach einiger Zeit des Wegsuchens durch die Schollen lieber wieder umdrehe um auf Licht zu warten.

Doch - wo nun festmachen?
Ohne lange nachzudenken, worüber auch, stoppe ich die PERITHIA im nicht ganz so dichten Eis, lasse sie treiben und tauche ab in die Koje. Früh morgens dann ein kleiner Gungs, so als wollte das Eis uns sagen: "Jetzt aber los!" Nur ist es eben erst 4.00 Uhr morgens und dementsprechend ungemütlich und kalt. Aber es ist hell und damit die Durchfahrt bei guter Sicht durch das Eisfeld schnell geschafft.
So geht's also weiter in die Franklin Strait, wo wir direkt neben der einmündenden Bellow Strait eine, der hier sehr seltenen Ankerbuchten für den Abend auf der Seekarte ausgemacht haben. Die FIONA müsste so ungefähr 8 Stunden vor uns sein, wir werden sie spätestens bei Tasmania einholen. Die Ankerbucht ist übrigens zugefroren. Was bleibt uns weiter übrig, wir fahren die Nacht durch und kommen so recht schnell nach Tasmania Island. Von der FIONA ist natürlich weit und breit nichts zu sehen. Wie auch? Das komplette Island liegt im Eis.

"Macht nichts" denken wir uns. "Ankern wir eben vor der Bucht" Dummerweise ist es hier oben im gesamten Gebiet sehr tief. Die Ufer fallen steil ab. Direkt vor dem Eingang unserer anvisierten Bucht werden wir aber fündig. Es ist recht landnah, aber es ist ruhig. Kathrin lässt also den Anker runter, ich bringe das Boot in die richtige Lage wobei ich wenden muss. Und bekomme bald einen Herzschlag! Ich kann es nicht glauben. Wie von Geisterhand setzt sich das gesamte in der Bucht liegende Eis in Bewegung und strömt heraus. Es ist ein atemberaubender Anblick. Dumm nur, wir liegen genau im Weg und haben auch noch den Anker unten. Wenn das jetzt nicht schnell geht....

Kathrin hat's noch gar nicht bemerkt und wundert sich über meine "Anker hoch!" Rufe und denkt wahrscheinlich, ich bin ein bisschen verwirrt oder so. Aber wir schaffen es gerade noch so und können ein beeindruckendes Schauspiel erleben. Das gesamte Eis der riesigen Bucht bewegt sich wie von Geisterhand und gibt den Ankerplatz frei. Doch wie kommt man rein? Durch das Eis geht's jedenfalls nicht.
"Na, hier kann die FIONA ja wohl nicht sein." denken wir uns und beschließen eben weiter zu fahren. Irgendwann werden wir sie schon einholen. Das hätten wir dann auch beinahe geschafft. Nur glaube ich aber nicht, dass wir sehr glücklich darüber gewesen wären… Wir passieren immer größer werdende Eisfelder, rechts neben uns eine nicht enden wollende Barriere und links kommt das Land dazu.

Langsam fange ich an, mir Sorgen zu machen. Was - wenn das Eis zum Land driftet?
Wohin dann ausweichen? Irgendwann ist dann Schluss.

Bedrohlich und undurchdringlich erstreckt sich eine Hügellandschaft aus Eis vor uns. Hier ist beim besten Willen kein Weiterkommen mehr. Das Eis liegt mitten in der Strömung vor uns und was sich dahinter für ein Druck aufgebaut hat, möchte ich lieber gar nicht wissen. Ich weiß nur, hier sollten wir nicht stehen.

Auf meine dauernden Funkrufe hört auch niemand. Wo sind die denn bloß? "Wahrscheinlich" sagen wir uns "haben sie noch eine schmale Fahrrinne gefunden und sind durchgeschlüpft." Damals konnten wir noch nicht wissen, dass nur ein paar Kilometer weiter die Katastrophe ausgebrochen ist und die Mannschaft der FIONA um Schiff und Leben kämpfte. Ein Eisbrecher ist auf ihren MAY-DAY-Ruf hin schon unterwegs und sollte in zwei Tagen eintreffen.

Von all dem wissen wir aber zum Glück nichts. Jetzt zieht auch noch ein, für diese Gegend typischer dicker Nebel auf und taucht die ganze Misere in ein unwirkliches Weiß. Wir fahren noch ein bisschen die Eismauer ab und wissen eigentlich nicht so recht - was jetzt tun? Hinter der Mauer stehen bleiben - geht gar nicht! Der undurchdringliche Nebel drückt auf das Gemüt und die Stimmung sinkt auf den Nullpunkt. Es lief einfach zu gut bis jetzt!

O.K.! lenken wir um und suchen uns einen Warteplatz in der mittlerweile eisfreien Bucht von Tasmania. Wir wenden und sitzen alsbald auch schon fest. Noch haben wir nur mit kleineren Eisschollen zu kämpfen. Aber es ist, als führe das Eis ein gewisses Eigenleben und versucht immer wieder uns den Weg abzuschneiden. Durch den Nebel verlieren wir alsbald völlig die Orientierung und kämpfen erst einmal um ein bisschen Bewegungsfreiheit. Doch nichts zu machen. Es dauert nicht lange, dann geht gar nichts mehr. Das Dumme ist, jeder Kompass zeigt hier so nah am Magnetpol etwas anderes an und für's GPS bräuchten wir Fahrt.

Das einzige, das wir auf der Karte noch ausmachen können, ist: wir nähern uns langsam aber sicher dem Land.
Wenn wir jetzt mit unserem Eisfeld auf Grund laufen - na, Prost Malzeit! Verzweifelt versuchen wir die Schollen mit einer Stange beiseite zu schieben. Den entstehenden Spalt kann dann die PERITHIA mit Motorkraft erweitern. Bloß - wie lange soll das gehen?

Knapp neben uns hat sich eine schmale Rinne geöffnet. Ob die ins offene Wasser führt, wissen wir nicht. Egal, wir brauchen Bewegung um wenigstens die Richtung wieder bestimmen zu können. Das Ganze wird immer bedrohlicher und die Stimmung sinkt und sinkt. Nur weg hier! Wir müssen zurück! Das ist nichts für uns und das Boot! Schließlich - nach viel schieben und drücken und gewaltigen Schlägen, die die arme PERITHIA einstecken muss, sind wir in der freien Rinne und können wenigstens die Richtung bestimmen. Die ganze Strecke bis nach Tasmania, die vor kurzem noch so leidlich frei war, ist mittlerweile von Eis bedeckt. Wir schieben uns Stück für Stück in Richtung vermuteter Bucht. Sehen können wir inzwischen gar nichts mehr! Es geht eigentlich nicht weiter. Nie im Leben bis zur Bucht!

"Na, zum Glück nicht!" sollen wir später dann noch sagen. Auf dem Hinweg habe ich auf einer kleinen vorgelagerten Insel eine winzige Bucht gesehen. Die könnte in der Not noch gehen. Wir suchen also und stellen fest - wir sind fast da. Noch ein paar Meter, eine kleine Einkerbung im kargen Fels wird sichtbar. Wir schieben uns vorsichtig hinein, lassen den Anker fallen und manövrieren zurück um den Heckanker zu werfen. Ganz passen wir nicht in die Bucht, aber so sind wir wenigstens vor den schlimmsten Schlägen der sich vorbeischiebenden Schollen in Sicherheit. Wenn bloß der Wind sich nicht dreht!
Zeit, erst einmal zur Ruhe zu kommen.
Völlig niedergeschlagen fallen uns sämtliche Fehler ein, die wir so gemacht haben. Ja, hinterher weiß man alles besser. Hier haben wir jedenfalls nichts zu suchen. Rückzug! So bricht der nächste Morgen an und eröffnet uns außer Nebel, dass sich über Nacht unsere, am Vortag eigentlich angesteuerte, Ankerbucht wieder bis auf den letzten Meter mit Eisschollen gefüllt hat.

Nicht auszudenken, wir hätten dort gelegen. All das zeigt uns: das Eis kann man nicht berechnen und man sollte ihm auch nicht trauen und sich in Sicherheit wiegen. Abstand ist die beste Vorsicht. Niedergeschlagen machen wir uns also auf den Rückweg.Natürlich ärgern wir uns, vieles wäre vielleicht zu vermeiden gewesen. Später sollen wir lernen, dass auch die beste Vorbereitung nichts nützt, wenn das Eis nicht will. Natürlich ist mittlerweile der gesamte, bis gestern noch freie Weg, zurück komplett mit Eisfeldern übersät. Und es wird immer kälter, das Thermometer zeigt -3°C, das Wasser hat -2,7°C.
An Deck bildet sich eine Eisschicht, die das Laufen zur Schlitterpartie werden lässt.

Pünktlich zum Abend ist dann auch der Rückweg versperrt. Und - die Zigaretten gehen zur Neige. Zum Glück befinden wir uns an einem recht breiten Stück der Franklin Strait. Neben uns sind ein paar Inseln, die zum Ankern einladen könnten. Eine Bucht scheint geeignet, ein wenig flach und steinig aber ansonsten, wie durch ein Wunder eisfrei.

Kaum haben wir den Anker unten, beschließt das Eis natürlich mit dem Gezeitenwechsel, unsere Bucht müsste ebenfalls gefüllt werden... Gesagt - getan, rumst und schiebt es solange, bis der Kampf gegen uns gewonnen ist und wir sitzen wieder einmal fest.

Mittlerweile ist es auch zu kalt, um draußen noch irgendetwas Sinnvolles zu unternehmen. Wir machen es uns gemütlich, und schauen dem Treiben der Eisfelder zu. Viele Robben tummeln sich dazwischen oder darauf.

Es ist, von der elenden Lage mal abgesehen, ein wundervolles Schauspiel. Wir diskutieren die Lage und einigen uns nach reiflicher Überlegung, von Resolute Bay aus unter günstigeren Bedingungen einen zweiten Versuch zu starten. Irgendein Geräusch, anders als die uns inzwischen vertrauten, lässt uns aufhorchen. Vielleicht bewegt sich das Eis.

Kathrin geht nach oben und ist recht schnell wieder zurück. "Ich glaub da steht ein Eisbär" flüstert sie, "Auf einer Scholle hinten an der Plattform direkt am Eingang." Was soll man dazu sagen. Old Gun Stick, die Patronen und ich verschmelzen zu einer Einheit.
"Bei 5 Schuss auf 2 Meter Entfernung sollte wenigstens einer treffen" sage ich mir und lege vorsichtshalber noch ein Reservepack von 20 Patronen in Reichweite. Lärm ist gut, fällt uns ein. Also bewaffnet sich Kathrin mit Topfdeckel und Schöpfkelle. So ausgerüstet bauen wir dann unsere Verteidigungslinie aus. Dummerweise eine "Alamostellung", da die einzigste, infrage kommende Fluchtluke hinter uns durch das Dingi blockiert ist.Meiner Aufforderung, doch schnell draußen ein Foto zu machen, kommt Kathrin übrigens nicht nach...

Da wir den Bären im Ernstfall nicht unbedingt erschießen wollen, holen wir noch die Signalraketen, um ihm im Notfall einen Schuss vor den Bug zu setzen. Draußen bleibt alles still, also pirsche ich mich mit angeschlagenem Gewehr ganz in Indianermanier, jede Deckung ausnutzend, nach draußen. Die Luft ist rein!
Er hat wahrscheinlich die Fischbüchse auf dem Tisch gerochen und ist dann aber von unserer wild entschlossenen Verteidigungsbereitschaft in die Flucht geschlagen worden. Wir sehen ihn noch schwimmen und können sein Treiben eine Weile lang auf der nächsten größeren Eisscholle beobachten. Wenn ich darüber nachdenke, dass ich die letzten beiden Nächte im Eis an Deck ohne Gewehr geschlafen habe, wird mir heute noch ganz schlecht. Jedenfalls gehen wir unbewaffnet keinen Schritt mehr. Auch abends im Schlafzimmer ist immer die Flinte in der Nähe. Man kann sich das eigentlich gar nicht so richtig vorstellen. Aber "Knut" ist doch ziemlich groß, verdammt schnell und kann auch noch schwimmen. Zu allem Unglück scheint er Eisschollen zu lieben. Nicht umsonst ist er das gefährlichste Land-Raubtier, heißt es jedenfalls. Am nächsten Morgen können wir ein kleines Wunder erleben. Abends noch war der ganze Sound voll mit Eis. Jetzt ist er komplett frei.

"Wo ist das Eis hin?" fragen wir uns. Da die Strecke wieder frei ist, nähern wir uns jetzt schnell unserem Startpunkt Resolute Bay. Das schmelzende Eis sagt uns, wir waren zu voreilig. Abwarten und Geduld haben, ist hier die Devise.

Wir beschließen, nur nachzutanken, die neusten Eiskarten zu besorgen und nach ein bisschen Wundenlecken einen zweiten Versuch zu wagen. In Resolute angekommen, wundert man sich. Aber man freut sich auch, dass nichts passiert ist und wir heil wieder angekommen sind. Die Menschen hier leben mit ihrer Natur und wissen sehr wohl, dass nichts zu erzwingen ist. Und Hilfsbereitschaft um der Sicherheit willen steht hier immer an erster Stelle. Man kann nie wissen, ob es einen nicht selber einmal trifft.
So organisieren wir Treibstoff, Propangas, Zigaretten und was wir sonst noch so brauchen. Zwischenzeitlich werde ich noch zum Fotomodell. Das Kreuzfahrtschiff BREMEN legt an und ein Haufen Passagiere werden mit Zodiaks am Strand abgesetzt.

Natürlich muss ich gerade in diesem Moment mit unserem Dingi dahergeschippert kommen. Ein Segelboot hier oben im Norden will durch die Passage, das interessiert natürlich alle. Und schon werden die Fotoapparate gezückt: ich mit Dingi, ohne Dingi, von allen Seiten. Mit meiner Fellmütze, Wärmestiefeln und den überdimensionalen Wärmeklamotten, die auch nicht unbedingt die saubersten sind, sehe ich wahrscheinlich aus wie der Alte Mann und das Meer oder wie Robinson Crusoe nach 5 Jahren.

Ein Mechaniker repariert später das defekte Thermostat am Motor, und wir besuchen unsere Freunde. Irgendwoher besorgt jemand sogar Bier, was bei weitem keine Selbstverständlichkeit ist, da ja verboten und somit unverschämt teuer. In unserer Tasche finden wir am Ende auch noch einige Zigarettenschachteln, die uns kommentarlos und heimlich zugesteckt wurden - wahrscheinlich auf meine Erzählung in Bezug auf den überstandenen Engpass hin. Später gegen Abend laden wir uns im Hotel zum Abschiedsdinner ein. Wie es der Zufall so will, ist dort gerade der kanadische Verteidigungsminister samt seinem Beratergremium zu Gast und beim Empfang. Ossi, der Hotelmanager wird für sein Engagement mit einem Basecup und einer Münze geehrt. Denkt aber ja nicht, dass er deswegen sein Büro aufgeräumt und keine Jogginghose an hätte. Auch stehen alle, incl. Minister, wie hier üblich, in Strümpfen da. Die Schuhe werden draußen ausgezogen, auch beim Ministerempfang!
Es geht also recht zwanglos zu. Wir schnappen uns unser Essen, (es gibt leckeren frischen Fisch mit Pilzen...) und verziehen uns an einen der wenigen, insgesamt 10 Tische. Zwei Bissen später sitzt auch schon ein sehr netter Herr, zum Glück spricht er perfekt deutsch, bei uns und wir sind mitten im Geschehen. Später stößt noch der Herr Minister zu unserer Runde und Kathrin fängt an sich zu fragen, ob ihre nicht ganz so schicke aber bequeme Trainingshose wohl das angemessene Outfit ist. Jedenfalls unterhalten wir uns alle sehr gut. Der Minister und seine Berater sind sehr interessiert und begeistert von unserer Reise und stellen uns viele detaillierte Fragen. Einmal trete ich allerdings gewaltig ins Fettnäpfchen. Bilde ich mir doch bis zuletzt ein, der hohe Besuch bei uns am Tisch ist der Minister der Inuitrepublik Nunavut. Man klärt mich aber recht schnell auf, und so schlimm war`s dann auch wieder nicht. Adressen und emails werden getauscht und so geht der letzte Abend in Resolute unerwartet interessant und unterhaltsam zu Ende.

Wir wollen eigentlich sofort starten, beschließen aber noch ein, zwei Stündchen zu schlafen, und dann eben ganz zeitig aufzubrechen. 3.00 Uhr morgens ist Start. Die rote Temperaturleuchte vom Motor brennt und es ist kein Start. Was kann das sein? Ich überlege, was der Mechaniker wohl so alles gemacht haben könnte. Um den Fehler zu finden, zerlege ich also sein getanes Werk Stück für Stück noch einmal. So nach einer Stunde frage ich mich dann, warum ich es nicht gleich selber gemacht habe. Ausbau, Wiedereinbau, Test, Ausbau, Einbau, usw. Die Zeit vergeht und eine Lösung ist nicht in Sicht. Um ein Thermostat auszubauen, neu abzudichten und wieder einzubauen, benötige ich jetzt nur noch 2 min. Ich könnte glatt bei Volvo Penta anfangen. Doch dass man nach getaner Arbeit auch das Kühlwasser wieder auffüllen sollte, fällt mir erst reichlich spät ein. Wenigstens ist es mir eingefallen...

Jetzt aber los! Es schneit und in Resolute wird der Winter wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen. Wir müssen hier schnellstens weg!

22.08.2009
Wieder mal über die Barrow Strait und hinein in den Peel Sound. Geht aber nicht, da ist schon wieder Eis. Wir tasten also die Eiskante ab, und finden irgendwann auch einen Durchschlupf. Im Peel Sound kommt sogar Wind auf, der uns mit ziemlichen Wellen, zum Glück von hinten, unserem Ziel entgegen schiebt.
Mit jedem Meter wächst auch unsere Zuversicht. Jetzt oder nie! Nur der elende Nebel macht uns zu schaffen. Die Strecke kennen wir ja nun schon zur Genüge. So freuen wir uns immer, wenn wir einen schwierigen Abschnitt ohne Eis überwunden haben. Geduld und Glück ist die Devise, sagen wir uns und die Zuversicht steigt und steigt. Später begegnen wir der OCEAN, einem anderem Segler, der die Passage von Ost nach West angeht. Die Frage, ob wir denn die PERITHIA sind (auf uns wird schon gewartet), ein paar freundliche Worte, Eisberichte werden getauscht und schon geht´s weiter.

Ein einziges Problem haben wir allerdings, da wir auf eine andere als die ursprünglich vorgesehene Route ausweichen mussten, fehlen uns ein paar Seekarten. Also kramen wir die Reservepapierkarte heraus. Das ist leider nur eine recht große Übersichtskarte, die eigentlich nur bei komplettem Systemausfall in der Not das Land zeigen soll.

Da wir aber kein schwieriges Stück zu bewältigen haben, gehen wir das Risiko ein.Was sollen wir auch sonst tun? So nähern wir uns, bis dato ungeschoren, unserem Etappenziel Gjoa Haven. Doch nichts geht gut, es wäre ja auch zu einfach. Kurz vor dem Ziel nimmt der Nebel nochmals derart zu, das man die Hand vor Augen nicht sieht. Also auch die Hafeneinfahrt nicht. Unsere Übersichtskarte zeigt sowieso nur grobe Umrisse an. Schlichtweg, wir wissen nicht wohin. Langsam tasten wir uns in eine riesige Bucht, von der wir annehmen, es könnte die Richtige sein. Allerdings ist es etwas flach. Die Wassertiefe pendelt so zwischen zwanzig und einem Meter. Bei unseren 1,65 m nicht unbedingt das Beste.

Vor, zurück, links rechts - so geht das nicht!
Zu allem Überfluss glaube ich, von dieser Bucht gelesen zu haben. Riesige Ausmaße, flacher Strand und sehr geringe Tiefe. Wer hier vom Wind erwischt wird, für den war's das. Zum Glück weht nicht die leiseste Brise und da wir nicht mehr weiterkommen, beschließen wir zu warten. Am nächsten Morgen, das gleiche Spiel. Die Sonne scheint über uns und wir sitzen im Bodennebel, der sich hartnäckig drei Meter über dem Wasser hält, fest. Irgendjemand muss uns doch die Koordinaten von Gjoa Haven geben können. Der Ort ist höchstens 5 nm entfernt und doch für uns unerreichbar. Ich versuche die Coast Card anzufunken - nichts. Alle Kanäle, die mir so einfallen, nichts. Gegen Nachmittag dann ist es endlich so weit, der Nebel löst sich auf, die Sicht wird besser. In der Ferne taucht ein Motorboot auf und saust auf uns zu. Ich zünde eine Handfackel an und denke mir so, das müsste ja wohl nicht zu übersehen sein. Überall auf der Welt gilt eine rote Handfackel als Seenotzeichen. Wir kommen uns ein bisschen vor wie auf der TITANIC. Der fährt doch tatsächlich vorbei! Aber egal, der Nebel ist mittlerweile verschwunden, und wir können die ersten Häuser ausmachen.

Wir waren einfach nur eine Bucht zu früh dran. Bei strahlendem Sonnenschein laufen wir endlich nach ewigem Gesuche in den Hafen ein. Dort liegt schon die SILENT SOUND vor Anker. Wir freuen uns, das letzte, uns noch entgegenkommende Boot, hier zu treffen.
Der Ort selber begeistert uns nicht so sehr. Staubig und dreckig, erinnert er irgendwie an eine Bergbausiedlung. Es gibt das übliche Hotel, zwei Einkaufsläden mit enormen Preisen und das war's auch schon. Hier kommt der Liter Milch mittlerweile auf einen Preis von über 4 $ und eine Packung Cornflakes auf 8 $.



Wir lassen uns aber rasch aufklären. Den Leuten selber hier sind die Preise relativ egal. Da die ganze Gegend hier ähnlich wie ein Indianerreservat im öffentlichen Blickfeld steht und es sich noch dazu um die Ureinwohner handelt, bekommt jeder was er braucht. Nur an der Perspektive hapert es gewaltig.

Gjoa Haven ist laut Statistik die geburtenreichste Gemeinde Kanadas. Wir sehen junge Mädchen, die ein Kind an der Hand halten, ein zweites auf dem Rücken tragen, schwanger und dabei selber fast noch Kinder sind. Verwundert lassen wir uns erklären, dass nach alter Inuittradition das ganze Dorf für die Kindererziehung verantwortlich ist. Sehr oft werden die Kinder von den Großeltern adoptiert, so dass jeder immer die Kinder der nächsten Generation großzieht. Verständlich bei Müttern, die kaum 14 Jahre alt sind. Später erfahren wir auch, dass sowohl das Kind vom Staat versorgt wird als auch, dass es für die Adoption zusätzlich 2000 $ gibt.

So hat am Ende jede Tradition auch einen ganz unmittelbar praktischen Sinn. Jetzt verwöhnt uns das Wetter mit bestimmt 15 ° C und Sonne pur. Wir erholen uns von Kälte und Nebel, Kathrin holt das Sprossen- Keimglas raus, um uns Vitamine zu ziehen, wir machen unsere Mails fertig und Tassi genießt - wie immer.


Ich kämpfe erneut meinen verzweifelten Kampf mit dem Thermostat. Am Ende kleistere ich das Ding mit Silikon ein. Vielleicht hält das dicht. Irgendwie werde ich den Motor schon noch auf Temperatur bringen. Morgen geht`s dann weiter.
Langsam wird die Zeit für uns eng. Von unserem nächsten Ziel, Cambridge Bay, ca. 220 nm entfernt, sind es noch 1600 nm bis zur Behringstraße. Und die führen durch das Nordpolarmeer. Wir sollten uns also langsam sputen! Die erste Hälfte der Strecke Gjoa Haven - Cambridge ist recht anspruchsvoll.
Dauernd Untiefen und ein Gewimmel an Wasserstraßen, die ständig die Richtung wechseln. Das Ganze ist recht gut mit Peilzeichen ausgestattet. Trotzdem müssen wir zu zweit ran. Einer behält unter Deck die GPS Daten und Routenvorgaben im Auge, der andere steuert den Autopiloten vom Deck aus. Das geht recht gut, ist aber über die Stunden ermüdend.

Zudem haben die Kanadier hier eine Forschungsstation. Je mehr man sich dieser nähert, umso weniger funktioniert die Navigation. Was immer die hier erkunden, es stört massiv Kompass und GPS.

Die zweite Hälfte dagegen führt wieder über offenes Wasser. In Ermangelung einer Karte habe ich mir im Vorfeld Wegpunkte besorgt und auf unser vorhandenes Kartenmaterial im Laptop übertragen.
Zusammen funktioniert das wunderbar. Ich sitze im warmen und muss nur gelegentlich die Richtung zum nächsten Wegpunkt vorgeben. Die einzige Gefahr hier ist ab und zu ein schlafender Wal. Auf dem Radar aber recht gut zu erkennen, lassen sie sich recht einfach umsteuern. Kathrin hat die zweite Wache und verschläft den ganzen Spaß.

So geht es geruhsam bis nach Cambridge Bay. Die Passage ist erst einmal geschafft - Nun müssen wir "nur" noch das Eismeer hinter uns lassen…!!!


15.09.2009 Von Cambridge nach Tuktoyaktuk

Nun müssen wir "nur" noch das Eismeer hinter uns lassen…!!! Erst wir mal hinkommen! Die Fahrt nach Cambridge ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Alles hängt davon ab, pünktlich Freitagabend anzukommen; hab ich doch gehört, dass es in ganz Nunavut einen einzigen Club gibt, in dem Bier ausgeschenkt wird. Und der ist in Cambridge und öffnet ausschließlich Freitagabend. Ich denke: `so ein schönes Bierchen …`Wir kommen Sonnabend 5.00 Uhr morgens in Cambridge an… !

Der kleine Kai ist schon von einem Schlepper besetzt, was uns natürlich ganz lieb ist. So können wir seitwärts an ihm festmachen und brauchen uns über die Gezeiten keine Sorgen zu machen. Was wir nicht wissen, diesem Schlepper werden wir noch öfter begegnen. Kaum festgemacht, kommt auch schon ein Matrose, ich glaube es ist der Obermaat oder so, und schaut, was wir da treiben. Wir rauchen erstmal eine mit ihm und erzählen das übliche Woher und Wohin. Sie legen bald ab, aber wir können ja dann an ihren Platz. Vorher sind wir selbstverständlich zum Frühstück eingeladen, können duschen und bekommen die Wassertanks der PERITHIA gefüllt. Das Duschen ist eine Wohltat, uns ist schon vor Tagen das Brauchwasser ausgegangen. Auch so wird die Begegnung immer interessanter. Der Koch brutzelt Eier mit Speck nach Wunsch und wir sollen ruhig nehmen, was da ist.
Der Kapitän Stephan Wright der NUNAKPUT, so heißt das Schiff, begrüßt uns beim Frühstück, drückt uns zwei Basecups in die Hand, die wir sofort für das obligatorische Foto aufsetzen müssen.

So hängen wir jetzt im der Messe der NUNAKPUT. Da mir wieder einmal ein Stück Seekarte fehlt, frage ich ihn nach einer Kopie. Der Maat wird geschickt und kommt alsbald mit einem ganzen Stapel voll Karten unterm Arm zurück. Erst einmal nachschauen, ob auch wirklich keine Detailkarte fehlt. Wir wissen gar nicht wie uns geschieht und nennen plötzlich einem kompletten Satz Karten inklusive aller Details unser eigen. Dessen nicht genug, lockt uns der Koch in seinen Vorratskeller.
Vollgefüllt mit allem, was ein Schiff mit 12 Mann Besatzung so braucht. Wir sollen doch einpacken, sagt er und hilft auch selbst fleißig mit. Vor Schreck wissen wir gar nicht, wo wir zuerst hinlangen sollen. Aber der Koch ist nicht zimperlich und packt beherzt ein: Kaffe, Milch, Butter, Sahne, Cornflakes, Fisch, Austern, Wurst, Käse, Juice, Brote, Zwiebeln, Kartoffeln, Knoblauch, Kuchen, ja selbst Klopapier schleppt er an. Wir müssen mehrmals laufen, um alles auf die PERITHIA zu bringen. Kaum fertig, legen sie auch schon ab und wir sind traurig, dass diese ganze Begegnung gerade mal 2 Stunden gedauert hat. Aber so kann´s gehen.

Wir krachen uns aufs Ohr, um dann frisch gestärkt Cambridge zu erkunden und auch die längst fälligen Reparaturen (Thermostat) sowie Wartungsarbeiten an der leidgeprüften PERITHIA zu erledigen.
Von der SILENT SOUND weiß ich eine Werkstatt direkt am Kai. Das ist also nicht so das Problem. Schlimmer - mein Blick in den Dieselfilter! Jetzt wird mir auch klar, warum das Gas immer so ruckelt. Bei uns im Tank scheint sich eine Art Schleim zu bilden. Denselben haben wir schon einmal an dem Reservekanister des grönländischen Fischkutters gehabt. Jedenfalls ist der komplette Filter total dicht und verklebt.
Ein Wunder, dass überhaupt noch was ging. Ich denke, es liegt am Kondenswasser in Verbindung mit der Kälte. Ausgetauscht ist der Spaß schnell. Nur - starten will der Motor nicht. Ich also zurück in die Werkstatt und klage dort mein Leid
.

Zum Glück gibt es nette Mechaniker, einer davon verspricht, am nächsten Morgen bei uns vorbeizuschauen.
So haben wir Zeit für Sihgtseeing und einkaufen und so. Trotz fast der gleichen Größe unterscheiden sich die Orte Gjoa Haven und Cambridge um Welten. Hier sieht es doch fast wie in einer Stadt aus. Und die Menschen werden mit Recht als -angenehm freundlich- beschrieben. Keiner, der uns nicht zuwinkt oder grüßt. So werden wir, wieder zurück am Boot auch alsbald von einer Menge Kinder belagert, die unbedingt die PERITHIA erkunden wollen.


Es kostet einige Mühe, in dem Gewusel den Überblick zu behalten. Othmar, ein Mediziner aus der Schweiz, hilft uns dabei. Er wohnt schon seit Jahren in Kanada. Zuerst im Yukon und jetzt hier in Cambridge. Es ist wirklich sehr interessant, mit ihm zu plaudern und seinen Geschichten über seine Ankunft in Kanada und das Wohnen im Zelt mit Bären vor der Haustür zu lauschen. So verbringen wir einen netten Abend und sind ganz begeistert davon, wie gut doch alles klappen kann. Sogar das Wetter scheint mitzuspielen. Es ist zwar ein Tief angesagt, aber mit 5 Bft sollten wir doch klarkommen.

Frisch proviantiert und überholt geht's los zur wirklich letzen Etappe der Passage. Hier kann eigentlich nichts mehr passieren. Um es mit Dieters Worten zu sagen: "Na ja, dieser Abschnitt wird ja dann eher langweilig!"
…Bis nach vielleicht anderthalb Tagen das Barometer fällt und fällt und fällt. So richtig Sorgen machen wir uns aber nicht, wir sind immerhin in einem Sound, umgeben von Land. Da dürfte außer ein bisschen Wind nicht viel passieren. Gegen Abend fängt`s dann auch langsam an. Der Wind bläst wie üblich genau von vorn und es baut sich langsam eine ganz enorme Welle auf. Das Dumme dabei ist, wir müssen durch eine recht enge Stelle, die wie eine Düse wirkt und auch ansonsten sind die Felsen und Inseln nicht wirklich weit weg. Sicherheitshalber ändern wir die Route etwas querab zum Wind, um wenigstens der Strömung zu entgehen. Und das Barometer fällt derweilen munter weiter. Irgendwann kommt der Augenblick, wo das Boot unter Motor nicht mehr zu halten ist. Unter Segeln ist das so eine Sache. Das letzte uns verbliebene Großsegel ist an allen Ecken und Enden geflickt, das Neue liegt hoffentlich bald in Point Barrow. Einen Verlust können wir uns deshalb einfach nicht erlauben.

Also - Genua ein Stück raus und mit dem Wind zurück. Der Wind nimmt derweil immer mehr zu und die Wellenberge überragen uns mittlerweile haushoch. Da wir nichts sehen können und im Abstand von ca. 5 nm um uns herum überall Inseln oder Untiefen lauern, sitzt Kathrin unten am GPS und gibt ständig die Richtung durch. Wir versuchen, eine Bucht schräg auf Luvseite zu erreichen, unter Motor vielleicht machbar. Bei mir hinten im Cockpit schlagen die Wellen schneller rein als das Wasser ablaufen kann. Stellenweise sieht`s aus wie in einer Badewanne. Meine Stiefel sind wohl zu flach, sie sind recht schnell voll gelaufen. (2 ° C!) Zwischendurch muss zu allem Unglück immer mal einer von uns nach vorne um das Schlauchboot samt Blister neu zu verzurren. Die Persenning hält einfach nicht. Das ist vielleicht ein Spaß, auf allen vieren übers Boot, immer irgendwo festgeklammert und ständig unter Wasser. Der Wind ist eigentlich gar nicht so das Problem, 8 Bft mit Böen 9 Bft kann man schon absegeln.Nur die Wellen sind aus irgendwelchen Gründen gigantisch.

Und das Schlimmste oder auch das Gefährlichste ist - wir haben kein Platz zum Ausweichen! Dazu kommt der Schlafmangel, wir sind beide schon seit gut 36 h voll am rotieren. Den Anfang vom Ende läutet dann eine Riesenwelle ein. Sie schlägt mit voller Wucht ins Boot und setzt die halbe Elektrik außer Gefecht. Plötzlich ist eine unheimliche Ruhe an Bord. Das war`s für den Motor. Zuviel! Das war`s auch mit unserer Bucht. Die Wellen haben inzwischen dermaßen zugelegt, das habe ich überhaupt noch nicht erlebt! Also doch Segel. Die Genua auf Handtuchgröße und das Groß ein winziges Stück. Nach 10 min gibt es dann kein Groß mehr, war auch zu erwarten. Am Ende ist das der Augenblick, wo nichts mehr geht. Segel hin, Motor hin und Ablaufen unter Top und Takel -bei den Wellen nicht mehr machbar. Dazu überall Legerwall. Wir fangen tatsächlich an, die Nottasche zu packen. Signalraketen, Wasser und was man alles schnell so braucht, wenn` ans Aussteigen geht.Irgendwann bleibt nichts anderes zu tun, ich entschließe mich zu einem May -Day Ruf. Das Problem, dass wir dabei zu bedenken haben, ist: zwar werden wir geholt, aber die arme PERITHIA bleibt vor den Felsen zurück. Das wär`s dann für sie. Dummerweise ist die Funkmastdichte hier draußen so gering, dass wir mit unserem UKW Funk nicht ankommen. Bleibt nur noch: warten. Ich lasse ein kleines Stück Fock stehen, schlage das Steuer ganz nach Luv und gehe nach unten. Hier oben an Deck gibt es für uns nichts mehr zu tun.
Die PERITHIA dreht auch brav quer zu den Wellen und wir wettern ab. Wie durch ein Wunder schiebt der Wind uns zum einzigen Ausgang aus dem Schlamassel. Wir kommen ungeschoren zurück auf unsere Hinwegroute. Also keine Felsen. Da wir eh nichts tun können, schicke ich Kathrin, die völlig übermüdet und mit den Nerven so ziemlich am Ende ist, ins Bett, hocke mich vor das Radar und suche die Umgebung nach vielleicht einem anderen Schiff ab. Langsam aber sicher werden wir in die Dease Strait geschoben und der Wind und auch die Wellen lassen etwas nach. So kann ich sogar etwas mehr Genua setzen und die PERITHIA ist wieder steuerbar. Wenn nur ja der Wind nicht dreht. Unsere einzige Chance ist, jetzt Wind von achtern - nur ja nicht mehr als querab.Endlich ein Frachter in Sicht. Ich schildere ihm unsere Situation und bitte ihn, die Küstenwache zu verständigen. Es dauert dann auch nicht lange, und wir haben wieder Verbindung mit der Außenwelt. Die Küstenwache funkt uns an und wir besprechen die Lage, was am besten zu tun ist.

Da Wind und Wellen sich mittlerweile stabilisiert haben, vereinbaren wir ständigen Funkkontakt und in Cambridge werden die Vorbereitungen zu unserer Bergung getroffen. Ironischerweise haben wir mit einer stabilen 6 Bft von achtern einen viel schnelleren und ruhigeren Rück- als Hinweg. Mir bleibt nichts anderes zu tun, als ständig die Richtung zu überwachen und unsere Position und Geschwindigkeit durchzugeben. Dazwischen schaue ich Fernsehen. So passiert es dann auch, dass ich unsere Retter verpasse und erst vom Dispatcher der Küstenwache aufgefordert werden muss, ich solle doch bitte mal an Deck kommen. Peinlich! Schwer angeschlagen werden wir in Schlepptau genommen, und an unseren alten Platz in den Hafen manövriert.

Zwischendurch erfahre ich von der Küstenwache, dass ein anderes Segelboot in Cambridge liegt. Da sie von unserer Misere erfahren haben und eine Segelnähmaschine an Bord haben, warten sie auf uns.
An unserem alten Platz am Frachter NUNAKPUT, der zwischenzeitlich wieder eingelaufen ist, stehen dann auch alle zum Empfang bereit. Die Leinen werden uns abgenommen und wir auf das herzlichste begrüßt. Die anderen Segler, eine amerikanische Familie mit zwei Kindern, lassen uns erst gar nicht zu Wort kommen. Unser Segel wird geborgen, die zerfetzte Persenning eingeladen und alles in die Messe des Frachters transportiert. Dort werden die Tische abgeräumt und zusammen geschoben. Wir werden derweilen ins Bett geschickt.

So stehen wir ziemlich perplex da und fügen uns unserem Schicksal. Man will's wirklich kaum glauben, ein paar Stunden später kriechen wir aus den Federn und alles ist gerichtet. Wir sind quasi abfahrtbereit. Beim abendlichen Dinner auf dem Nachbarboot lernen wir dann auch unsere fleißigen Helfer kennen.

Eine Familie mit zwei Kindern aus Michigan-USA, die auf dem Weg sind, Amerika zu umrunden. Sie nennen einen kleinen, wirklich schönen Holzkutter, die PRECIPICE, ihr Eigen. Wir wundern uns nur, wie alle da reinpassen. Da die Zeit drängt, der Winter naht und sie durch uns schon einen Tag verloren haben, brechen sie noch am Abend auf.

Wir sind noch nicht soweit, versprechen aber, uns zu beeilen. Da wir schneller sind, werden wir sie bestimmt bald, noch vor dem Nordpolarmeer einholen. Diese Strecke wollen wir dann zusammen segeln. Gesagt getan, nach einem erholsamen Abend und morgendlichem Einkauf (meine Handschuhe hat der Sturm geschluckt) holen wir die Leinen ein und starten zum zweiten Anlauf.

Da die Wettervorhersagen auch diesmal nicht wirklich gut sind, haben wir uns in weiser Voraussicht entlang der Route Fluchtbuchten aufgezeichnet. So segeln wir unter höchster Anspannung und immer den Himmel und das Barometer im Auge, so schnell es geht die Dolphin Strait entlang. Ich rechne ein bisschen hin und her, irgendwann müsste die PRECIPICE bald auftauchen. Über Kurzwelle geben wir uns die Position durch, und siehe da, wir wären doch beinah vorbeigefahren. So geht's nun zusammen weiter.

Der Wetterbericht scheint hier oben zum Glück auch nicht der verlässlichste zu sein. Wir segeln bei bestem Wind und strahlendem Sonnenschein in das Nordpolarmeer hinein. Kathrin nutzt das schöne Wetter zu einem kleinen Nickerchen im Freien.

Trotzdem bin ich froh, endlich das offene Meer zu erreichen.
Wir sausen wie die Verrückten, um diese Etappe so schnell wie möglich hinter uns zu bringen und setzen alles an Segeln, was nur irgendwie geht. Das bedeutet aber, dass immer eine Rehling im Wasser ist und die Wellen übers Vorschiff sausen. Mit schlafen ist da wieder mal nichts. Zum Glück gibt's jetzt aber einen neuen Kurs, Wind von achtern.

Ruhiger kann man nicht mehr segeln. Bis Tuktoyaktuk sind es noch 120 nm.
Das bedeutet - morgen früh müssten wir relativ entspannt ankommen.


21.09.2009 Barrow, Wie man es nicht machen sollte

Die Fahrt von Tuck nach Barrow verläuft völlig ereignislos.
Gutes Wetter, natürlich kein Wind. Kaum, dass wir mal die Nase aus der Kajüte stecken. So gleiten die Meilen an uns vorbei. Nur kurz vor dem Ziel, um mir einen Überblick über die Lage zu verschaffen, zwinge ich mich und gehe dann doch mal an Deck. Es ist doch kaum zu glauben, fahren wir doch gerade durch eine riesige Walherde. Na ja, so kommen wir wenigstens noch zu ein par Bildern. So nähern wir uns also Barrow.

Barrow liegt in Alaska und ist demzufolge kein Eskimostaat…!
Rasieren, Duschen, neue Sachen und Kathrin instruieren: alles muss jetzt glatt von der Hand gehen.
Hier gibt es seit Monaten die erste Bar. Ein schönes Bierchen ruft. Um keine Zeit zu verlieren, funke ich also schon mal den Hafenmeister an: "Wo ist denn hier der Hafen?" frage ich ihn.
Er ist verwundert: "einen Hafen - so was haben wir hier nicht". Aber welchen Tiefgang wir haben, dass will er wissen und nach einigem Hin und Her schickt er uns in eine vorgelagerte Lagune. Nett wie er ist, teilt er uns gleich noch die Telefonnummer der Einwanderungsbehörde in Nome Alaska mit. An sich völlig problemlos. `Wir sind da`, denken wir. Leider muss es aber ein Missverständnis zwischen Meter und Fuß als Maßeinheit gegeben haben.

Jedenfalls gibt es bald darauf einen kurzen Ruck und wir sitzen auf. Ich rufe also wieder den Hafenmeister an, um, nun schon langsam etwas entnervt, nach einem Abschlepper zu fragen. Derweil versuchen wir mit Hin und Her, uns selber aus dem Dreck zu ziehen. Wir haben es gerade geschafft, da ist auch schon der "Abschleppdienst" zur Stelle. Nun, so haben wir wenigsten einen Lotsen, dem wir folgen können. Wir fahren hinterher, doch bei 5 Fuß ist dann auch bloß Schluss.

Also, diese Seite von Barrow bleibt uns verschlossen. Notgedrungen beschließen wir, vor der Küste zu ankern. Das Wetter spielt mit. Gesagt, getan - fahren wir auf die andere Seite der Halbinsel und lassen den Anker fallen. Es ist unheimlich flach, gerade mal 4 Meter. Schnellstens wird das Dingi zu Wasser gelassen und ab geht's an Land. Zwei Eskimomädchen auf Quadts begrüßen uns und erklären mir auf meine sofortige Frage nach der nächsten Bar verwundert: "No Bar, everywhere is dry."

Mittlerweile ist es auch schon recht spät, aber wir brauchen dringend noch einen Internetanschluss. Da wir unser neues Segel aus Griechenland hierher bestellt haben, wollen wir natürlich wissen, wo es denn ankommt. In einer Bank werden wir fündig. So stehen wir dann mitten in der Nacht im Foyer beim Geltautomaten und klappen unseren Laptope auf. Es dauert natürlich keine Minute, dann ist auch schon die Polizei zur Stelle. Aus irgendwelchen Gründen interessiert sie aber zu unserem Glück nicht sonderlich, dass wir gar keinen Einreisestempel haben, nur in der Bank sollen wir doch bitte nicht bleiben. Wir sollen doch lieber ins Hotel gehen.

Und wir sollen auf die Eisbären aufpassen, die hier nachts durch die Ortschaft stromern. Und schwimmen sollen sie anscheinend auch noch gerne.

Gut - das Hotel hat zwar schon zu, gegenüber ist aber ein japanisches Restaurant. Wir finden sogar ein ungesichertes Netz und können uns einloggen. Alles scheint zu klappen. Das Segel soll morgen, am Montag, kommen. Guter Dinge gehen wir beruhigt, aber "durstig" wieder zurück zur PERITHIA.

In Anbetracht der Warnung durch die Polizei, holen wir Old Gunstick wieder raus - man weiß ja nie - und gehen ins Bett.Richtig wohl ist mir aber dann doch nicht dabei. Wir liegen völlig frei und ungedeckt direkt vor der Küste. Dazu noch bei 4 Meter Tiefe. Ich schlafe also lieber die Nacht auf der Couch, um den Strandungsalarm nicht zu überhören. Doch das Wetter spielt mit und wir überstehen die Nacht ganz angenehm. Am nächsten Morgen im Hotel dann die traurige Wahrheit. Das Segel ist vor dem 18.September, das heißt Freitag, nicht da!

Vier Tage, die wir verlieren! Und - was, wenn es dann auch noch nicht kommt? Allmählich dämmert uns die ganze vertrackte Misere. Hätten wir gewusst, dass es hier keinen Hafen gibt, nie hätten wir das Segel hierher bestellt. So haben wir absolut keine Zeit- der Winter mit seinen Stürmen sitzt uns im Nacken und wir liegen völlig ungeschützt vor der Küste. Was bleibt uns also übrig? Immer ein Auge auf die Wetterentwicklung, schauen wir uns Barrow an. Viel gibt es nicht zu sehen. Eben eine typische nordamerikanische Kleinstadt. Ich denke, die Bilder sagen alles.

Wir nutzen die Zeit zum tanken, etwas Wasser auffüllen, einkaufen - vor allem Schokolade, Kekse, Nüsse und Lakritze, ein geniales Wetterprogramm besorgen und schlagen die Zeit irgendwie tot - recht bequem auf dem Hotelsofa mit Internetanschluss und mitfühlenden Angestellten.

Natürlich muss sich nun auch das Wetter ändern. Windstärke 5 Bft ist angesagt.Direkt vor
der Küste können wir da nicht mehr liegen, also beschließen wir, es doch noch einmal mit der Lagune zu versuchen. Wir tuckern die zwei Stunden um die Halbinsel herum - um auf der anderen Seite genau in die Wellen zu laufen. Schnell wird klar, durch die schmale Einfahrt der Lagune kommen wir nie und nimmer. Die Wellen türmen sich dermaßen, dass wir Mühe haben, wieder ums Kap zurück zu entwischen. Dabei habe ich wieder einmal ausreichend Gelegenheit, hinten das Cockpit unter Wasser zu setzen. Die Wellen kennen wirklich kein Erbarmen mit mir und der armen PERITHIA.

Entweder sie sausen von vorne übers ganze Boot, oder sie schlagen von hinten zu. Aber wenn, dann immer mit voller Wucht. Und ich stehe wieder einmal bis zu den Knien im Wasser. Die schärfste jedoch ist ein kleines Ungetüm direkt von quer ab. Ich hechte in letzter Sekunde neben den Cockpittisch auf den Boden und halte mich irgendwo fest. Die PERITHIA wird auf die Seite gelegt und schusselt so, Mast voran, unter der Welle bergab. Unten angekommen steht sie aber brav wieder auf und ich sehe zu, wie ich das Wasser wieder aus dem Boot bekomme. Dann sind wir durch und um`s Kap herum. Wir ziehen die Segel hoch und zurück geht's mit 7 Knoten zu unserem alten Ankerplatz. Gewissermaßen hätten wir uns diesen Ausflug auch sparen können…!

Da wir mit dem Dingi wegen der enormen Brandung nicht mehr anlanden können, funke ich schnell noch den Hafenmeister an. Er soll doch bitte mal im Hotel nachfragen, ob denn nicht zwischenzeitlich unser Segel angekommen ist, denn heute ist Freitag! Macht er auch - es ist nicht da!Dafür machen wir an diesem Abend eine ganz lustige Entdeckung. Es gibt einen Funkkanal, der zweimal täglich das Wetter ansagt. Mit dem Operator kann man recht gut reden und ist somit immer genauestens informiert. Ansonsten wird der Kanal von Einheimischen genutzt. So ab 19.00 ist da richtig was los. Anscheinend haben die andere Quellen als ich…!

Jedenfalls ist, glaube ich, keiner mehr nüchtern. Und so hört sich das dann auch an!Heute am 19. September (Sonnabend) soll das Paket nun endlich unwiderruflich eintreffen! Sollte es nicht kommen, müssen wir ohne Segel weiter. Hier schneit es mittlerweile und der Weg nach Süden ist noch weit.Zu überlegen ist: Wie kommen wir am besten mit dem Dingi durch die Brandung ans Ufer und vor allem, wie wieder zurück? Also verpacken wir alles, was wir so brauchen, in Plastiktüten und verzurren es ordentlich fest. Sollten wir kentern, haben wir zwar unsere Überlebensanzüge, schaffen es aber nie bis zur PERITHIA zurück. Bleibt also nur das Ufer und das ist weit - zumal die Strömung parallel zur Küste geht. Ein Hoch auf Spiros Salvanos` Motor - er springt wirklich in jeder Lebenslage an! Egal wie - wir müssen ans Ufer.
Jetzt kommt es darauf an, genau die richtige Welle zu erwischen und darauf auf den Strand zuzureiten.
Klappt soweit auch ganz gut. Nur - kommen wir für quer an. Das war ganz schön knapp!

Trockene Sachen haben wir mit, also ab ins Hotel. Kathrins erste Handlung: der Anruf bei UPS, und siehe da, das Segel ist endlich angekommen!!!

Überglücklich schießen wir noch ein Foto von der Übergabe und schleppen alles zum Strand zurück. Die weitaus schwierigere Aufgabe steht uns nämlich noch bevor. Irgendwie muss das Schlauchboot einigermaßen sicher wieder durch die Brandung raus aufs Wasser. Uns ist nun mittlerweile aber schon alles egal, auf der PERITHIA ist es warm. Nass ist also kein Problem, nur nicht kentern. Wir warten also die beste Welle ab und schieben los. Kathrin macht natürlich einen Bauchklatscher, aber wenigstens ins Boot und nicht daneben. Doch ihr Schwung rettet uns, klitschnass zwar, aber dafür sicher, schwubsen wir über die ersten Wellen.
Der Motor springt an und alles ist gerettet. Zurück auf der PERITHIA steigen wir aus den nassen Klamotten, ziehen das Dingi hoch und endlich können wir in Richtung Beringstraße starten.

Nur das Wetter macht noch etwas Sorgen. Wenn alles so bleibt, steuern wir punktgenau in einen wunderschönen kleinen Sturm.
Wahrscheinlich wird es das Beste sein, einen kleinen Umweg über Kotzebue, der letzten Ansiedlung vor der Beringstraße in Kauf zu nehmen und erst einmal abzuwettern. Dumm ist nur: da dort überall Sandbänke sind, brauchen wir einen Lotsen um an Land zu kommen. Ach so, die besagte Monsterwelle hat anscheinend irgendetwas in der Elektrik bewirkt.


Ab und an fängt die Starterbatterie an zu kochen. Wahrscheinlich werde ich sie erst einmal abklemmen. Im nächsten Hafen ist noch genug Zeit, dem Übel auf den Grund zu gehen.
Der Windmesser hat´s auch bloß nicht überlebt, also haben wir wieder mal genug zu tun. Wirklich schön ist nur, ab jetzt sollten wir den Wind ständig von achtern bekommen. Somit wird es geruhsam schaukelnd Stück für Stück gen Süden gehen.




17.10.2009 Von Barrow durch die Beringstraße nach Russland

Endlich das Segel in der Hand, legen wir natürlich sofort ab. Das Wetter ist nahezu optimal. Nur - müssen wir uns beeilen um in zwei Tagen am Cap von Point Hope, wo wir kurz Zwischenstation machen wollen, zu sein. Dort soll der Wind laut Wetterbericht drastisch zunehmen. Unser Plan ist, in Point Hope oder im nächsten Ort, Kotzebue, auf die richtige Brise für die Durchfahrt der Beringstrasse zu warten. So setzen wir alle Segel und schießen wie der Teufel übers Wasser.
Zur Abwechslung stimmt die Vorhersage sogar einmal. Mitten in der Nacht am Cap angekommen, bläst uns der Wind dermaßen entgegen, dass wir alle Mühe haben, überhaupt die Höhe zu halten. Es ist frustrierend, wir sehen die Lichter weniger als zwei Meilen voraus, kommen aber partout nicht vom Fleck.
Motor und das bisschen Segel, was gerade noch geht, halten uns eben mal auf Höhe, bringen uns aber nicht ein Stückchen näher. Die Maschine jault zum Herzerweichen, das Stück Stoff am Mast legt das Boot fast auf die Seite, aber die extreme Strömung, vereint mit den kurzen peitschenden Wellen, scheinen uns partout nicht am Point Hope zu wollen.
Keine Chance!

Der Not gehorchend, beschließen wir, es mit Kotzebue zu versuchen. Theoretisch müsste das unter Land zu machen sein. Praktisch kommen jetzt auch noch die Wellen ins Spiel. Mehr überm als unterm Boot drängen sie uns immer weiter vom Kurs ab. Nun gut, überlegen wir. Bleibt halt noch die dritte Variante. Augen zu und durch. Wieder drehen wir ab und halten quer übers Beringmeer direkt auf die Beringstrasse zu. Wahrscheinlich halten wir mit dieser Entscheidung einen neuen Geschwindigkeitsrekord Barrow - Beringstrasse. Wind und Wellen von hinten, und das nicht zu knapp, hab ich am Ende noch alle Mühe, die doch recht schmale Durchfahrt überhaupt zu treffen. Das klingt vielleicht komisch, es sind immerhin über 20 nm.

Es ist aber wirklich nicht immer einfach, bei richtig Wellen von achtern ein bisschen quer abzulaufen. Das drückt bei jeder Welle das Heck dermaßen aus der Spur, dass der Autopilot alle Mühe hat, die Abweichung zu korrigieren. Dazu landen die meisten im Cockpit, was auch nicht immer so angenehm ist. Bergab in Schussfahrt sind wir so einige male auf bis zu 16 Knoten gekommen. Im Nebel segeln wir früh morgens am dritten Tag nach Barrow trotz aller Ärgernisse an den Diomedes Inseln vorbei und sind durch.

WIR SIND DURCH DIE BERINGSTRASSE GESEGELT!!!

Leider gelingt uns trotz aller Mühe kein Foto von den Diomedes (die eine gehört zu Russland, die andere zu Amerika), der Nebel versperrt einfach jegliche Sicht und verschluckt sie vollends. Plötzlich ein Schrei, klägliches Wimmern; ich weiß nicht, was los ist. Dann Blut! Erst jetzt wird mir klar, Kathrin hat den Kühlschrank zugeschlagen und vergessen, ihren Finger aus der Tür zu nehmen. Alles muss jetzt schnell gehen. Das Blut ist überall und durch das Gewackel, es sind bestimmt 5 Meter hohe Wellen, die uns durchschütteln, ist Laufen gar nicht so einfach. Meine größte Sorge ist, lass den Finger noch dran sein. Mit viel Mühe aber im Höchsttempo gelingt es, den Schaden zu sichten und erst einmal notdürftig zu verbinden. Der Finger ist also noch dran. Sieht schlimm aus und tut garantiert fürchterlich weh.

(Bei der Gelegenheit fällt uns auf: wieso sind in einer Kompressenpackung immer zwei Kompressen? Die zweite ist doch dann nie mehr steril). Schwer lädiert bekommt Kathrin so einen Schonplatz und ich bin heilfroh, nicht als Chirurg arbeiten zu müssen. Zum Glück ist es ja nicht mehr weit. Kurz nach der Beringstrasse in Richtung West liegt unser Ziel: die russische Hafenstadt Providenia.
Nun wird's eigentlich lustig und ärgerlich zugleich. Über Funk melden wir uns ordnungsgemäß an, das heißt wir versuchen es. Unser freundlicher Gesprächspartner ist des Deutschen oder Englischen ungefähr so mächtig wie wir des Russischen. Aber aus unerklärlichen Gründen, will er uns nicht so richtig haben. Im letzten Licht des Tages laufen wir dann trotzdem ein und sind glücklich, angekommen zu sein, Immerhin waren die Wetterbedingungen alles andere als optimal. Geschafft ist geschafft. Providenia sieht vom Wasser aus nicht unbedingt einladend aus. Eine typische Industriestadt mit Neubaublocks a la DDR.

Wir suchen uns eine Barge zum Anlegen und werden, wie nicht anders vermutet, von der hiesigen Kommandantur erwartet. Nett wie sie sind, nehmen sie uns die Leinen ab und wir können festmachen. Die erste Frage betrifft natürlich die Visa. Da wir ja keine haben, schildern wir das Problem mit Wind und Wetter, fehlendem Diesel, sowie dass wir dringend ärztliche Hilfe für Kathrins Finger benötigen.
Soweit so gut, wir werden gebeten, noch schnell umzuparken. Wir verstehen das zwar nicht so richtig, tun ihnen aber den Gefallen. Alle fahren mit, so haben wir am Ende auch genügend helfende Hände. Später wird uns klar, zu unserem oder ihrem Schutz müssen wir unbedingt bewacht werden. Am neuen Molenplatz liegt schon ein Belgier, der auf ein Visum wartet. Das spart Soldaten, wir liegen sozusagen am Sammelplatz. Das Boot dürfen wir nicht verlassen und sofern der "richtige" Soldat Posten bezogen hat, ist eine Unterhaltung über die Reling auch verboten…

Warum, ist uns nicht klar, aber was will man machen. Außerdem gibt es ja auch noch das Funkgerät. Die Belgier sind über die OSTWESTPASSAGE gekommen und warten auf eine Sondergenehmigung. Und das kann dauern. Bei uns erscheint alsbald ein Eskimo, der englisch sprechend als Dolmetscher fungieren soll. Wir können uns über mangelnde Hilfsbereitschaft wirklich nicht beklagen. Kathrin wird sofort, begleitet von einer 5 Mann starken Eskorte, zur örtlichen Krankenschwester gefahren (ich darf nicht mitfahren) Nach kurzer Desinfektion jedenfalls tauscht sie unsere schöne Binde gegen ein russisches Gegenstück aus, empfiehlt röntgen und gibt Kathrin wieder frei. Nach langen Diskussionen werden auch unsere sonstigen Notlagen anerkannt und gemeinsam nach einer Lösung gesucht, aber auf morgen vertagt.
Einkaufen wollen sie aber noch heute für uns. Schnellstens nutze ich meine Chance und klage mein Leid… Bei einem Russen natürlich genau an der richtigen Adresse.
Für Bier und Wodka ist somit gesorgt. Das Bier gibt's hier nur in gewöhnungsbedürftigen 1,5 l Plasteflaschen.

Aber damit kann ich leben, ein Fest. Es gibt Pelmeni und süße Teigtaschen zum Abendbrot. Bei Strom für uns ist die hiesige Kommandantur allerdings dann doch überfordert. Doch unser freundlicher Bootsnachbar, ein Schlepper, an dem wir festgemacht haben, findet bei sich eine freie Steckdose und auch dieses Problem ist gelöst.
Am nächsten Morgen haben wir Zeit, uns ein wenig umzuschauen: Wir liegen mitten auf einem Werksgelände und was wir so vom Boot aus erkennen können, sind die besten Tage hier wohl auch schon lange vorbei. Es sieht alles ein wenig nach Zusammenbruch aus, oder wie zu Zeiten "lang lang ist`s her". Unser Besuch (die Kommandantur) lässt natürlich auch nicht lange auf sich warten. Am interessantesten scheinen unsere Kommunikationsgeräte zu sein. Haben wir etwa ein Satellitentelefon oder Ähnliches? Haben wir nicht, also in Ordnung. Wer bezahlt unsere Reise?

Keiner, also auch gut. Ein Milizionär möchte unsere sämtlichen Fotos kopieren. Wie erklären etwas von Copyright und auch das wird akzeptiert. So geht der offizielle Teil der Verhandlung recht schnell zu Ende und es gibt Wodka. Das Problem besteht, für uns völlig unerwartet, eigentlich einfach nur darin, dass Diesel oder Benzin beantragt werden müssen und dafür bräuchten wir ein Visum aus Moskau. Ob wir nicht lieber nach St. Lawrence fahren wollen. Dort sei eine kleine amerikanische Eskimosiedlung, die aber auf unseren Karten nur als Camp eingezeichnet ist. Was also tun? Zwischenzeitlich turne ich übers Nachbarboot, und lerne dessen Kapitän und seinen Maschinisten kennen. Beide wohnen in einem winzigen Raum auf dem Schiff.
Kathrin und ich werden eingeladen und wir schleichen möglichst ungesehen von unseren Bewachern unter Deck. Bier, Wodka, Karlbasa und getrockneter Fisch - wir machen unsere erste wirklich russische Bekanntschaft. Keiner versteht keinen, aber auch das wird mit der Zeit immer besser.

Nur unserem Soldaten passt unser konspiratives Treffen natürlich überhaupt nicht. Eine Einladung zu uns an Bord endet so auch in einem Fiasko. Kaum sitzen wir, müssen prompt auch unsere Offiziellen wieder auftauchen und schnell stellt sich heraus, es gibt hier zwei Welten. Daran hat sich anscheinend trotz aller vergangener Zeit und sämtlichen errungenen Freiheiten hier im tiefsten Hinterland noch nichts geändert.
Wir sind schon ein bisschen sauer, lieber säßen wir wieder auf dem Nachbarboot. Trotz allem bleibt die Sorge, was wird nun werden. Visa oder nicht. So richtig beunruhigt sind wir allerdings noch nicht. Meistens findet sich am Ende immer ein Weg. So unsere Erfahrung bis jetzt.

Und siehe da: abends um 23.00 Uhr - urplötzlich - klärt sich völlig überraschend die Lage. Entweder Arrest oder wir nehmen Diesel und fahren bis morgen Mittag. Ein wenig überrascht entscheiden wir uns natürlich für den Diesel. So wandern in einer Nacht- und Nebelaktion aus einem kleinen Schuppen im Hafen 200 l Sprit in unseren Tank, Wasser wird in Kanistern von zu Hause geholt und auf meine Nachfrage hin auch ein paar Schachteln Zigaretten.

Bezahlen dürfen wir nicht! Mit den Worten, das ist alles, was wir für euch tun können, sind alle wieder weg und wir verstehen die Welt nicht mehr. Es scheint, als gibt es am Ende doch überall Menschen, die einfach nur hilfsbereit sind, denen aber all zu oft leider die Hände gebunden sind. Am nächsten Morgen bekommen wir noch einmal offiziellen Besuch, recht schnell wird uns klar, eigentlich ist nur Fotosession angesagt. Jeder will unbedingt hinterm Lenkrad fotografiert werden. Nach getaner Arbeit und wortreichen Verabschiedungen schleichen wir noch schnell zu unseren russischen Nachbarn, sagen so lange auf Wiedersehen. Nach echt russischer Art natürlich mit Wodka und Bier.

Irgendwann wird unser Bewachersoldat allerdings dann doch etwas nervös und anfängt zu drängeln.
Also: Leinen los, auf geht`s! Alles in allem hat der Besuch somit gerade einmal zwei ereignisreiche Tage gedauert.

Raus aus dem Hafen empfängt uns bestes Wetter. Wir sind überglücklich - Jetzt aber schnellstens auf nach Japan! Von wegen schnellstens.
Wochen werden vergehen, Wochen werden vergehen, ehe wir uns auch nur von der Beringstraße entfernen. Doch das ahnt noch keiner.Abendbrotzeit, wir bauen den Laptope auf und machen es uns so richtig gemütlich…Peng, kippt das Bier um und natürlich über den Computer. Es wäre ja auch zu schön, sollte mal alles durchweg bis zum Ende klappen. Somit ist unser Navigationssystem erst einmal außer Kraft gesetzt.

Klingt nicht weiter schlimm, ist aber dramatisch. Alle Trockenversuche schlagen fehl, der Reservelaptope ist schon eine Weile außer Gefecht gesetzt und Spiros` tragbares Navi hat der letzte Sturm auf dem Gewissen. Für Ersatz wollten wir leider erst in Japan sorgen. So ohne Augen und Ohren müssen wir unbedingt zurück. Doch wohin? Die Küste können wir sehen, die Einfahrt in den Fjord zum Hafen im Dunkeln aber schon lange nicht mehr. Zwar kann ich zwei Buchten ausmachen, welche, ist aber völlig unklar. Ans Funkgerät geht erst recht keiner. Wenn - wir würden uns auch bloß nicht verstehen.

Irgendwann dann die Erlösung, eine Fähre hat unseren May-Day-Ruf gehört und kehrt um. Und der Kapitän spricht zum Glück aller Erlösung auch noch Englisch: "Was können wir für euch tun?" "Wir haben keine Navigation, bitte zeige uns den Weg zum Hafen." "OK. Folge mir!" Die Passagiere mussten leider warten und der Dampfer fährt uns solange voraus, bis wir die Lichter von Providenia wieder im Blickfeld haben.
Mitten in der Einfahrt erholt sich dann wie von Zauberhand auch unser alter Reservecomputer wieder. Das heißt, zu aller Erstaunen sind wir am nächsten Morgen schon wieder weg.

Wieder gehen wir bei absolut ruhigem Meer auf unseren alten Kurs und fühlen uns schon fast in Japan. Noch ca. 700 nm die Küste entlang. Hinter den Kommandeursinseln ist das Schlimmste überstanden. Aber es kommt erst noch…

Gegen Abend frischt der Wind etwas auf, wir freuen uns und setzen die Genua. Doch leider scheint uns die Beringsee mal wieder daran erinnern zu wollen, wo wir uns befinden. Im Gleichklang mit dem Wind reffen wir, bis nur noch ein "Handtuch" steht. Dass das die Nacht der Katastrophen wird, ahnt zu dieser Zeit immer noch keiner. Der Erste ist Tassi. Plötzlich fängt er jämmerlich an zu miauen und verschwindet, eine Spur von Erbrochenem hinterlassend, im Schlafzimmer. Später lernen wir, ihn, wie die alten Bergleute ihre Wellensittiche, als Frühwarner zu sehen. Ich sitze am Kartentisch und merke, irgendetwas stimmt hier nicht. Gerade noch reicht die Zeit, Kathrin zu rufen, dann haut`s mich um. Ich falle einfach in Ohnmacht oder was das sonst so war. Zu nichts mehr fähig, nehme ich die Umgebung nur noch schemenhaft bzw. gar nicht mehr war. Das Schlimmste, Kathrin geht es auch nicht viel besser. Dazu bläst der Wind mit nie gekannter Stärke und schiebt uns unaufhaltsam in Richtung Küste.

Zu unserem Glück steuert der Autopilot und wir sind somit nicht völlig außer Kontrolle. Am Ende wäre es nicht gerade optimal für eine Jacht, unter Segeln steuerlos in einen Sturm zu sausen. Ich finde irgendwann später so langsam wieder zurück ins Leben, kann aber überhaupt nichts tun. Gerade mal, das ich ungefähr die Situation einschätzen kann. Sofort müssen die Segel rein, egal wie.
Kathrin ist die einzige von uns, die überhaupt noch etwas unternehmen kann, also muss sie zuerst die Genua bergen. Das Manöver ist allerdings bei Sturm von Achtern und ohne dabei aus dem Wind zu gehen keineswegs einfach und ein ganz schönes Stück Arbeit. Schwer angeschlagen und dazu noch der verletzte Kühlschrankfinger ein elendes Unterfangen. Um nicht im Chaos zu enden, müssen irgendwie mindestens zwei, meistens drei Leinen gleichzeitig geführt werden. Und so ein Wind hat ganz schöne Kraft. Geschafft!

Alle Luken dicht, treiben wir später langsam aber sicher in Richtung Küste. Und wir haben erst einmal Zeit, uns neu zu ordnen.
Das Boot liegt zwar verhältnismäßig sicher und ruhig, aber die Wellen schlagen von allen Seiten über uns hinweg. Es ist nie richtig zu sehen, ob unter oder über uns mehr Wasser ist. Hilflos müssen wir zusehen, wie unser Verdeck in Fetzen geht, zum Bergen fehlt einfach die Kraft. Eine Weile später ist das Windrad an der Reihe. Wenn es wenigstens im Meer verschwunden wäre. Aber nein, es muss an einer Schraube hängen bleiben und knallt, im Wasser treibend, immer wieder gegen die untere Befestigung vom Achterstak. Es hilft alles nichts, ich muss raus. Festgeknotet und mit allen notwendigen Schlüsseln bewaffnet, krieche ich auf allen Vieren nach hinten. Um überhaupt etwas zu sehen, versucht Kathrin vom Niedergang aus zu leuchten. Faszinierend sieht es schon aus: die Flügel drehen noch im Wasser und werden dabei von unserem Hecklicht beleuchtet. Sie spiegeln sich auf ihrer schön polierten Halterung, die ja eine Verbindung mit unserem Achterstak eingegangen ist.Doch gar nicht so einfach, dass schwere Ungetüm vom Boot zu befreien. Ich hänge Kopf über hinten unter der Reling und zerre und schiebe. Viele Flüche und Schläge später, verschwindet es endlich auf Nimmerwiedersehen im Dunkeln. Da sitzen wir nun also; alles was nicht wirklich niet- und nagelfest war, ist schon durch die Gegend geschossen, aber aufräumen lohnt sich im Augenblick eh nicht. Wir treiben unerbittlich auf die Küste zu.
Alle drei krank und somit recht hilflos. Wir denken an Abbruch unserer Reise, wenn wir hier irgendwie heil rauskommen sollten und erst einmal überwintern. Die einzige Stadt mit sicherem Hafen, die somit für uns in Frage kommt und überhaupt erreichbar ist, ist Anadyr.

Die größte Stadt hier mit Flugplatz und großem Hafen. Aber leider auch fast 200nm entlang der Wellen. Es nützt nichts, wir müssen los. Mit letzter Kraft schleppe ich mich wider an Deck und starte den Motor. Das heißt, ich versuche es. Die Elektrik ist völlig durchnässt. Nach einigen Versuchen, ich denke schon über ein Stück Großsegel nach, springt er tatsächlich an. Soweit überhaupt möglich, gehen wir auf direkten Kurs und sinken völlig erschöpft aufs Sofa. Die PERITHIA stampft tapfer durch die Wellen und hält somit ihre Höhe und Richtung. Diese Nacht werden wir, glaube ich, nie vergessen. Wie stecken Schläge ein, ein Wunder dass wir noch schwimmen. Zu allem Unglück kommt auch noch irgendwo Wasser ins Boot. Ich nehme an, wir schöpfen es von hinten. Wir können den Stand am Kühlschrank messen, dort quillt es nämlich unter den Bodenplatten hervor. Jedenfalls überleben wir!Am nächsten Morgen geht's besser, sogar der Sturm hat sich etwas gelegt. Erst einmal verschaffen wir uns einen ersten Überblick: Ganz schön lädiert aber funktionsfähig! Also stürmen wir durch die Wellen und so langsam kehrt auch unsere Zuversicht zurück. Da wir uns im Anlaufen fremder Häfen mittlerweile bestens auskennen, gibt es in Anadyr auch keine größeren Probleme. Ordnungsgemäß melden wir uns an und erbitten Einfahrerlaubnis auf Grund eines akuten Seenotfalles. Wir können aber sowieso erzählen, was wir wollen, es versteht ja doch keiner. (Das nächste Mal brauchen wir unbedingt ein Russisch-Wörterbuch) Im Dunkeln legen wir an und sind recht verwirrt; uns werden zwar freundlich die Leinen abgenommen, von offizieller Seite ist aber niemand zu sehen. Das sind wir ja nun gar nicht mehr gewohnt.
Verwirrt beschließen wir, 1,5 h zu warten und dann in die Stadt auf Suche zu gehen. Wir müssen unbedingt das Hafenamt zur Anmeldung finden.

Da keiner kommt, laufen wir los. Quer durch Neubausiedlungen Marke DDR erreichen wir unbehelligt das Stadtzentrum. Nicht das wir hier wohnen möchten, aber so schlecht sieht es gar nicht aus. Zuerst gehen wir einkaufen, der Supermarkt sieht aus wie bei uns. Dann suchen wir das Hafenamt und finden ein Restaurante.

Ich denke, das Beste am Platz. Nur das Essen, na ja…! Ganz schön übersichtlich auf dem Teller und der Koch hat wohl die Beilagen vergessen. Trotz allem, frohen Mutes wollen wir zurück zur PERITHIA, doch dieser Weg bleibt uns erspart.
Ein Jeep hält und wir werden eingesammelt. Von der Sache her war das ja auch nicht anders zu erwarten. Außerdem spart es den langen beschwerlichen Rückweg. Ab jetzt wird es nun offiziell. In der Amtsstube werden wir freundlich begrüßt und es gibt erst einmal einen Kaffee. Es wird eine junge Dolmetscherin, die ins Englisch übersetzt herbeibeordert.
Dann werde ich aus irgendwelchen mir unverständlichen Gründen in der Amtsküche platziert und übe mich im Warten. Mein Bewacher kann zwar kein Englisch, ansonsten klappt die Verständigung aber sehr gut.

Ich kann eine Menge über die Stadt und ihre Leute in Erfahrung bringen. Kathrin schildert unterdessen unsere Odyssey und beantragt offiziell, stellvertretend für ihren Kapitän die Hilfe Russlands. Es gibt an für sich keine größeren Probleme. Nur hat es den Anschein, als ob niemand so richtig weiß, was nun zu tun ist. Nachts 2.00 Uhr wieder zurück an Bord, kehrt endlich Ruhe ein und wir kommen zu dem Schluss, erst einmal abzuwarten. Zu unserer großen Überraschung funktioniert sogar unser Telefon wieder, das heißt, so abgeschnitten sind wir trotz unserer beiden Bewacher auf der Mole nun auch wieder nicht.

Der nächste Tag beginnt mit Arbeit. Hafenamt, Hafenkapitän, Reparaturwerkstatt und Krankenhaus. Beim Facharzt ging alles sehr schnell. Gerade anwesende Patienten wurden kurzerhand herausbefördert, die Armee braucht Platz… Die Diagnose des Arztes ist knapp und verständlich, wir brauchen dringend Ruhe, dürfen aus ärztlicher Sicht nicht an Bord zurück, müssen also ins Hotel. Wie das aber nun mit den fehlenden Visa vereinbaren?

Um es kurz zu machen, wir haben weiter an Bord geschlafen. Wir lernen in Anadyr eine Menge Bürokratismus, (die Untersuchung unseres "Falles" umfasst ein achtseitiges Protokoll!) Misstrauen den eigenen Landsleuten gegenüber, aber auch wirklich echte, alles übertreffende Hilfsbereitschaft und Anteilnahme kennen. Gerade wenn alle aufgeben wollen, gibt es am Ende doch noch einen Weg. (Es gäbe an dieser Stelle einiges zu berichten… Wir sind sehr dankbar!)So ist es am Ende wie in Providenia, keiner glaubt daran, und plötzlich geht es los. Nach 6 Tagen Hin und Her, Hoffen, Verzweifeln und wieder Hoffen heißt es: Leinen los!

Zwischenzeitlich haben wir unsere Route geändert; nur noch weg und irgendwie so schnell wie möglich die freie Welt erreichen.

Also verabschieden wir uns über Funk mit den Worten: "The PERITHIA is Anker up. We living now to USA. Mui gawarim doswidania!"








Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü